Reinheitsgebot – Verbraucherbetrug? heute mit dem Gerstenengel Franzi

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FranziFranzi
1988
Hamburg
Wir fragen die Verbraucher. Den Brauern hat der Brauerbund schon einen Maulkorb verpaßt.

Was wäre Bier, wenn´s keiner trinkt?

 

 

1. Erinnerst Du Dich noch, wie es für Dich war, als Du realisieren mußtest, daß der Begriff Reinheitsgebot nur ein Marketinginstrument ist, und daß in Wahrheit nach dem Lebensmittelgesetz gebraut wird?
FranziEhrlich gesagt, war ich tatsächlich etwas perplex. Bier, egal ob vom Großkonzern oder aus der Craftbeer Stube, war für mich immer ein ehrliches und bodenständiges Produkt. Die Glaubwürdigkeit der Biergiganten ist somit für mich gen Null gefallen. Es wird mit einem, sowieso recht fragwürdigem, Gebot geworben, welches nicht eingehalten wird, aber die Lobby ist anscheinend groß genug, um das als Bagatelle runterzuspielen.

2. Im vergangenen Jahr hat die Verbraucherzentrale ganz deutlich am Beispiel der Erdinger Brauerei entschieden, daß auf den Bieretiketten nicht mehr stehen darf „Gebraut nach dem Bayerischen Reinheitsgebot von 1516“ und das nach dem Lebensmittelgesetz gebraut werde. (www.lebensmittelklarheit.de/produkte/erdinger-weissbier ) Man möchte meinen, daß diese Aussage zu einem Aufschrei in Deutschland und zu einer Abwendung von den Bieren, die nach dem Reinheitsgebot gebraut sind, geführt haben müßte. Tatsächlich ist verbraucherseitig nichts passiert! Kannst Du mir erklären?
FranziZunächst denke ich, dass hier viel Schuld beim Verbraucher liegt: zum einen die Faulheit aufzustehen und seinen Mund auf zu machen, zum anderen der Stolz auf das „urdeutsche“ Produkt: „Was?! Unsere Biertradition soll nichtig sein, das glaube ich nicht. Die Zutatenliste sieht für mich ganz nach dem Reinheitsgebot aus. Punkt.“ Zum andern ist die Bierindustrie und die damit einhergehende Lobby so groß und mächtig, dass jeder Aufschrei im Keim erstickt wird.
Insgesamt denke ich jedoch, wir sind zu gleichgültig. „Schmeckt doch – das ist die Hauptsache.“.

3. Im kommenden Jahr feiert das Bio-Reinheitsgebot sein 25jähriges Bestehen. Nach inständigem Bitten des Bayerischen Brauerbundes, sehen sie aber von Feierlichkeiten ab und überlassen dem Brauerbund die Festbühne. Welche Gedanken kommen Dir dazu?
FranziWenn man sich mit den Zutaten von Bier auseinander setzt, wird schnell klar, dass Hopfen recht empfindlich ist und im konventionellen Anbau mit einigen Pestiziden in Berührung kommt. Möchte ich also den Sud daraus wirklich trinken? Nein. Aber ich mache es trotzdem, da es wenige Alternativen dazu gibt. Grund ist wieder ein Informationsdefizit und die daraus resultierende geringe Nachfrage.
Wieder wird zurückgehalten und unterdrückt, was den „Konventionellen“ Biermarkt schaden könnte.

4. Inzwischen haben wir es in der Branche mit einem dritten zu klärenden Begriff zu tun: CRAFT, Handwerk. Auch steht Marketing im Vordergrund und daß das Handwerk sekundär ist, beweist beispielsweise die Tatsache, daß eine Störtebeker Brauerei sich in Braumanufaktur umbenannt hat (Geschätzter Ausstoß 200.000 hl) Wollen wir betrogen werden? Wollen wir in unseren Köpfen diese Bilder vom verschwitzten Brauer, der nachts bei Mondenschein mit seiner Mutter noch das Gebräu umrührt?
FranziIch sehe den Craft-Begriff als Umschreibung dafür, dass man sich bei der Herstellung wirklich Gedanken um einen besonderes Genuss-Erlebnis und um ausgewählte Zutaten macht. Ob das Resultat dann 2000l oder 200.000hl ergibt, ist für mich dabei irrelevant. Hinter Störtebeker stehen für mich Brauer, die ihr Handwerk verstehen und die mit Leidenschaft ihren Beruf ausüben. Ist es nicht auch Leidenschaft, die die Craft-Bewegung ausmacht? Ein anderer Fall ist da doch Becks, die mit ihren drei neuen „ganz besonderen“ Biersorten einfach nur auf einen Zug aufspringen wollen. Quasi im Reagenzglas entwickelter Standard-Geschmack, mit coolen Label, netter Inszenierung und null Authentizität. Das ist das Problem und nicht die, die es mit Herz probieren.

5. Was wünschst Du persönlich Dir für Dein Bier?
FranziIch bin ein Genussmensch, ich liebe es, mich mit Bier auseinanderzusetzen, ich möchte es betrachten, daran riechen, es schmecken und mich am Gesamterlebnis erfreuen. Ich nehme mir Zeit für mein Bier. Dieses Bewusstsein wünsche ich mir auch beim Brauprozess. Außerdem möchte ich wirklich wissen, was in meinem Bier ist. Auf´s Reinheitsgebot pfeife ich – dennoch will ich wissen was ich zu mir nehme. Welcher Hopfen, welche Malze, welche Hefe verhilft dem Getränk zu seinen Aromen? Woher stammen die Zutaten? Das ist mir wichtig. Und wenn ich dann noch die Begeisterung des Brauers beim Trinken spüren kann, dann ist´s das Tüpfelchen auf dem „I“.

 

Fragen und Fotos: Esther Isaak

8 Responses

  1. Reinerw

    Vielleicht klärt mich mal jemand auf, denn manches verstehe ich nicht:
    1. Was ist schlimm daran, dass Bier nach dem Lebensmittelgesetz gebraut wird?
    2. Es heißt: „Im vergangenen Jahr hat die Verbraucherzentrale ganz deutlich am Beispiel der Erdinger Brauerei entschieden, daß auf den Bieretiketten nicht mehr stehen darf …“
    „Entscheiden“ kann ja nur ein Gericht; welches Urteil und von wem liegt denn in dieser Sache vor? Oder sollte es eigentlich heißen: „Die Verbraucherzentrale ist der Auffassung…?
    „3.Weiter heißt es: Im kommenden Jahr feiert das Bio-Reinheitsgebot sein 25jähriges Bestehen. Nach inständigem Bitten des Bayerischen Brauerbundes, sehen sie aber von Feierlichkeiten ab und überlassen dem Brauerbund die Festbühne.“
    Mit Verlaub: Der Satz ergibt für mich keinen Sinn: Der Bayerische Brauerbund hat sich selbst gebeten von Feierlichkeiten abzusehen und überlässt jetzt dem (welchen?) Brauerbund die Festbühne?????
    Bisschen viel Guerilla auf einmal, finde ich.

    • Esther

      Lies doch mal, was Volker dazu schreibt. Das Reinheitsgebot suggeriert ein natürliches Produkt, was es jedoch oftmals nicht ist, sondern vielmehr eines mit allen chemischen Hilfsmitteln, die nach dem Lebensmittelgesetz erlaubt sind.

      2. Wer vertritt in Deutschland eigentlich der Verbraucher? Wenn er nicht verarscht werden will, muß er erst klagen. Verstehe ich das richtig?

      3. Es gibt das Reinheitsgebot 2 Mal.Beide feiern kommendes Jahr ein Fest. Da der Brauerbund, dem das Bio-Reinheitsgebot ein Dorn im Auge ist, weil es wirklich sauber ist, mehr Mitglieder, mehr Geld hat, hat er die kleinen bekniet, nicht zu feiern, damit sein eigenes Reinheitsgebots-Fest nicht durch das echte in Frage gestellt werde.

      Zusammenfassend: Das Reinheitsgebot ist eine Lüge und wie bei Volkswagen wird es gnadenlos durchgezogen, so lange niemand die Geschichte in Brüssel vor Gericht bringt. Hier ist ein Linkzum Thema: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/debatte-um-das-reinheitsgebot-koriander-und-erdbeeren-1.2690093
      Mit Guerilla hat das wenig zu tun, sondern eher damit, daß niemand den Verbraucher fragt und das letzterer nach Franzi´s Meinung auch zu faul, sich zu informieren.

      • Reinerw

        Punkt 1 habe ich jetzt verstanden.
        Punkt 2 ist mir immer noch unklar: Doie Verbraucherverbände können doch z.B. bei Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht o.ä. klagen (soweit ich informiert bin). Meine Frage ist doch einfach, gabe es da eine erfolgreiche Klage mit einem „Beschluss“ oder ist das eine Meinungsäußerung „der Verbraucherzentrale“ (von denen es ja auch einige Dutzend gibt)?
        Der 3. Abschnitt ist wieder völlig unverständlich: Beide Reinheitsgebote feieren ein Fest????
        Dem „Brauerbund“ (welchem?) ist das Reinheitsgebot ein Dorn im Auge, „weil es wirklich sauber ist, mehr Mitglieder, mehr Geld hat“???? Und wer sind „die kleinen“??
        Wie viele Reinheitsgebote gibt es denn jetzt.: Du schreibst von zweien: Im Bild das „Bayerische Reinheitsgebot“ um das es wohl geht; auf meiner Bierflasche von Braukunstkeller steht „Deutsches Reinheitsgebot“, und das 3. Reinheitsgebot ist welches?

        Ich finde immer noch, die Fragen des Interviews sind für einen Außenstehenden kaum verständlich und die Erläuterungen auch.

        Übe

    • Esther

      Und wo Du den Link grad zitierst: Unter den Kommentaren Oliver Wesseloh „…Im Rahmen des vorläufigen Biergesetzes (das ist wie vorgetragen das was gilt, Reinheitsgebot ist schließlich nur ein Marketingbegriff) sind außer den Zitierten Wasser, Malz, Hopfen und Hefe auch Maßnahmen wie Wasseraufbereitung (sprich Vollentsalzung des Brauwassers und gezielte Zugabe der gewünschten Mineralstoffe), Einsatz von Hopfenextrakt (ein Produkt bei dem dem natürlichen Hopfen einige Bestandteile mittels eines Lösungsmittels extrahiert werden und das Lösungsmittel anschließend wieder abgedampft wird) oder der Einsatz von PVPP (E1202) bei der Filtration zu Stabilisierung der Biere (nicht deklarierungspflichtig, da das PVPP „bis auf technisch unvermeidbare Rückstände“ wieder entfernt wird) zulässig, was der Verbraucher sicher nicht als Reinheit empfindet.
      Weiterhin war ein wichtiger Punkt von mir, dass eben die Novellierung des „Reinheitsgebotes“ das „Panschen“ verhindern würde, da bei einer Klage in der Tat künstliche Farb- und Aromastoffe verwendet werden dürften -…“

  2. Reinerw

    Noch ein Rechercheergebnis:
    Ich habe mich informiert, was beim Etikett von Erdinger Weißbier bemängelt wurde.
    Das Ergebnis lauter: „Fazit:
    Die Jahreszahl „1516“ sollte entfallen. Dann spricht unserer Auffassung nach nichts dagegen, mit der Aussage „getreu dem Reinheitsgebot“ zu werben. “
    Quelle: http://www.lebensmittelklarheit.de/produkte/erdinger-weissbier
    Ehrlich gesagt, finde ich das jetzt nicht so prickelnd, ein Aufreger ist das für mich nicht.

    • Esther

      Dafür steht der Link ja auch in der Frage, damit jeder noch einmal nachlesen kann und unter em von uns beiden zitierten Link steht auch:
      „Aktuell wird die Durchsetzung des Reinheitsgebotes durch das Vorläufige Biergesetz (VorlBierG) vom 29. Juli 1993 geregelt.“ Es wird nach dem Biergesetz gebraut und nicht nach dem Reinheitsgebot. Darum geht es. Kann gut oder schlecht finden. Auf dem aktuellen Etikett von Hacker Pschorr sieht man auch „1516“. Das ist falsch und in meinen Augen Verbraucherbetrug. Dumm daran ist außerdem, daß nach dem Reinheitsgebot von 1516 Gerste, Hopfen und Wasser erlaubt waren. Hefe und Weizen: NEIN. Hefe, weil sie noch nicht kannt, Weizen, weil es als edles Getreide in der Distribution dem Königshofe unterlag und privat nicht verbraut werden durfte. Die Familie Schneider war die erste, die das private Braurecht erhielt und das ist noch nicht lange her. Mit einem gebe ich Dir Recht: Es ist eine sehr komplexe Verbraucherirreführung. Die Verbraucher, die ich befragt habe, nenne ich ja nicht einfach so: „aufgeklärte Verbraucher“. Sie setzen sich seit Jahren mit den Tücken des Reinheitsgebotes auseinander. Und wenn man das hier von Brunnenbraeu, Volker Quante liest http://blog.brunnenbraeu.eu/?page_id=369, dann wird einem das Marketingspiel klarer.

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