Das Bierfaachgeschäft

Habt Ihr auch ein Bier mit einem Einhorn auf dem Etikett?

Vom Bier-Fachgeschäft, zum Event-Veranstalter, …zum
Geschenke-Laden? Zum?
Seit nunmehr nahezu drei Jahren führen wir, mein Mann und ich, das „Brolters
– Ganz viel Bier“ in Bremen. Als wir begannen, waren wir die ersten in unserer
Stadt, die sich dem Thema der handwerklich gebrauten Biere widmeten, und
bis auf einigen wenigen, war es auch bis dato den meisten weitestgehend
unbekannt.
So begann zunächst die glorreiche Ära des Begeisterns.
Es herrschte eine, wenngleich auch erst zaghafte Neugierde, die zunächst die
aufgeschlossenen BiertrinkerInnen zum Staunen brachte, wer ahnte denn
schon nach jahrzehntelangem Standard-Bier-Verzehr, dass dieses gewöhnliche
Getränk mehr drauf hat als das (Nicht)-Haus-Und-Hof-Geplörr aus dem
hiesigen Getränkemarkt/Supermarkt/Discounter? Wir wussten es ja ehrlich
gesagt auch nicht, hatten vielleicht gerade erst begonnen, ganz dezent an der
Oberfläche zu kratzen. Doch waren wir sofort begeistert und schafften es auch,
andere damit anzustecken. Somit berieten und empfahlen wir uns, wenn auch
noch recht hopfengrün hinter den Ohren, im ersten Jahr in Grund und Boden,
begannen mit ersten Tastings und Veranstaltungen (Brewer Day).
Und umso mehr wir selbst lernten, kennenlernten und erfuhren, umso
leidenschaftlicher erklärten und empfahlen wir, nicht zuletzt, weil uns einige
Brauer und deren Kreationen besonders sympathisch geworden waren (und
noch sind).
Drei Jahre später gehört das alles zum Standard-Repertoire. Das heißt, die
Bespaßung gehört zum Standard-Repertoire. Nicht das Wissen.
Die überraschten und oftmals beglückten Gesichter, vielleicht auch gelegentlich
überforderten, die zum ersten Mal etwas über die Biervielfalt erfahren haben,
sind seltener geworden.
Der Trend, der aus alldem in kürzester Zeit entsprungen ist, hat aus allem eine
Farce gemacht. Die Medien haben aus alldem eine Farce gemacht, und nicht
zuletzt hat das Marketing mit diesem leidlichen Begriff „Craft Beer“ aus alldem
eine … („Craft Beer – Das ist doch dieses Beck’s Pale Ale, oder?“)
Es ist jetzt cool, ein IPA (ganz wichtig, deutsch aussprechen!) in der Hand zu
haben, es ist jedoch nicht so sehr wichtig, wer es wie und warum gebraut hat,
wie es schmeckt und getrunken werden sollte, wie der Bier-Stil entstanden ist,
nein, es muss einfach nur gut aussehen. Und es ist natürlich auch ein
supercooles Geschenk für einen echten Biertrinker (womit eigentlich
hierzulande ausschließlich Pils-Trinker gemeint sind …)!
„Ach ja, mein Freund ist Angler, Rocker, Graphiker, ’nen echter Kumpel, wenn
das hilft …?“ Oder am Schlimmsten: „Das Bier ist für ein Mädchen“.
Na und? Was soll mir das jetzt sagen?
Aber da es ohnehin nicht mehr um Geschmack geht, muss jetzt der
Glitzerstaub daran glauben, am besten noch die Zellophanfolie, diverse
Schleifchen, ach und bitte noch irgendein witziges Accesoire. Und wenn Sie mir
das vielleicht auch noch bringen könnten …
„Ich mach‘ das nicht nur für schön …“
sagte dereinst ein Brauer, als ihn jemand darauf ansprach, warum seine Biere nun
auch im Getränkemarkt stünden. Damals erboste es mich kurzfristig und
kolossal, wenngleich ich nachvollziehen kann, dass man nicht nur einem Ideal
frönen will sondern eben auch Geld verdienen muss. Es bleibt eine Frage der
Qualität, und ob die sich halten kann, sollte der wichtigste Aspekt sein.
Allerdings muss auch der Fachhandel überleben können, was bei dem immer
größer werdenden Supermarkt-Angebot sicherlich auch immer fraglicher
werden wird. Und bereits ist.
Nein, ich mache das auch nicht nur für schön, ich muss wenigstens alles
bezahlen können, von Gewinn ist hier ohnehin nicht die Rede. Und ja, mein
Laden ist schön, denn er ist eher eine Begegnungsstätte denn ein Geschäft.
Was haben sich hier schon für tolle Menschen untereinander kennengelernt,
und sie alle werden sagen, dass es schade wäre, wenn wir zumachen müssten.
Wie alle sagen werden, dass es schade sei, denn schließlich haben wir ja unser
Viertel bereichert, zur Vielfalt beigetragen und schließlich müsse man ja auch
seine „locals supporten“, das ist nämlich ja auch gerade irgendwie cool …
Aber eben nicht cool genug, wenn es um die Preise geht. Wie ein Supermarkt
zu seinen kommt und ich zu meinen, das interessiert eben niemanden. Die
Relation zwischen Mengenabnahme und Einkaufspreisen, die Tatsache, dass im
Supermarkt/Getränkemarkt Biere zum Teil noch unter meinem Einkaufspreis
angeboten werden, nun, es interessiert eben niemanden.
Denen, die gerade erst via Kabel 1 oder RTL 2 gelernt haben, was ein IPA
(deutsch aussprechen!) ist, die mit einem Smartphonebildchen und der Frage:
Haben Sie DAS Craft Beer? in den Laden gestürzt kommen, die das Einhorn auf
der Flasche suchen, interessiert es sowieso nicht. Der Kuchen scheint groß zu
sein, lasst sie doch alle ein Stück davon abbekommen …
Und sonst so?
Die Anfangseuphorie des Aufbruchs, der Veränderung ist abgeklungen, jetzt ist
es Mainstream. Supermärkte veranstalten Tastings, gewisse Menschen
gründen Bierfeste und Bars flächendeckend in deutschen Städten, der kleine
gemütliche Laden reicht da bald nicht mehr.
Habe ich mich zu Beginn noch nahezu heiser beraten, so versiegt der
Informationsfluss zunehmend, da er kaum noch vonnöten ist, es wird ja
sowieso alles verschenkt, auch die Plätze für Tastings. Und wenn es der Person
nicht gefällt, dann hat sie es wenigstens nicht selbst bezahlt …
Tja. Wo wollen wir hin? Wo wollt ihr hin – BrauerInnen und GenießerInnen?
Ich jedenfalls bin kein Geschenke-Laden, keine Bar oder Veranstaltungsreihe.
Ich verkaufe Bier mit ganz viel Liebe und Herzblut, solange das noch reicht.
Text und Bild: Janka Bracke-Wolter
Janka ist Inhaberin des Geschäftes Brolters in Bremen und wird hier
von Zeit zu Zeit ihrem Bierherzen Luft verschaffen.

6 Responses

  1. madam

    Ein Eintagsfliegentrend ist Craftbier sicherlich nicht, aber so ist es nun auch nicht, dass die Mehrheit nur gewartet hat auf neue Bierstile. Für mich ist es interessant zu beobachten, wie auch im Bereich Craftbier, wie in jedem anderen „Business“ auch Größe belohnt wird durch günstige Einkaufspreise. Es ist also immer so, dass kleine und mittlere Läden letztlich die günstigsten Einkaufpreise der ganz Großen finanzieren, und damit auch die Kunden von kleinen Läden. Der kleine Laden muss sich also auf Teufel komm raus ein Alleinstellungsmerkmal über Angebote (events), Sortiment (ausgefallene, besondere Biere), Beratung u.a. aufbauen. Aber auch das geht ja nicht umsonst.

    Mit dem Begriff „mainstream“ kann ich nicht so viel anfangen. Was ist das genau? IPAs trinken nun zwar viele, aber so viele auch wieder nicht, und wenn ich ein NEIPA, das musste ich auch erst mal googeln was das denn ist, im Glas habe, dann fühle ich mich doch gar nicht mainstream. Könnte man formulieren, dass die Leute IPA trinken, um sich vom mainstream abzuheben? Und genau dadurch, durch den willen NICHT mainstream zu sein, ist man eigentlich armseliger mainstream. Vielleicht trifft das etwas zu für die urban street fight hipster, aber nein:

    Ein gutes IPA schmeckt einfach saulecker, that’s it, einfach lecker, und ein New England IPA erst Recht, hat ein schönes Mundgefühl, tropische Hopfen-frucht-aromen satt bei moderater Bittere.

    Wie geht es weiter? Ganz einfach: diejenigen die absichtlich oder per zufall am passenden Ort das passende business modell gefunden haben, machen weiter, eher unabhängig davon wie objektiv toll, ausgefallen oder mainstreamig ihr Sortiment ist.

  2. Ludger Wilhelm

    „Der Trend, der aus alldem in kürzester Zeit entsprungen ist, hat aus allem eine Farce gemacht“
    Man kann Bier auch gegen den Trend verkaufen. Macht sogar Spaß. Spricht sich rum.
    Kundengespräch (nach über fünf Jahren Bierverkauf)
    „Ich suche ein Bier, das ganz außergewöhnlich geschmeckt“.
    „Probier mal das hier“
    „Welche Geschmacksrichtung ist das?“
    „Das schmeckt nach Bier, richtig nach Bier – kein Citrus, kein Mango, kein Kaffee, kein Schnickschnack – nur Bier“

    ____
    „Im Supermarkt/Getränkemarkt Biere zum Teil noch unter meinem Einkaufspreis angeboten werden“
    Das ist mir noch nicht passiert. Darf ich um ein Beispiel bitten?

    _____
    z.Th. Tastings: Bei mir im Laden (in Berlin) gibt es keine Tastings mehr. Reine Zeitverschwendung. Resonanz wurde immer geringer. Stattdessen zweimal pro Jahr Blindverkostung für ausgewählte Stammkunden (nur persönliche Einladung), das gibt Kundenbindung.

  3. Carsten v. Wissel

    Gut, dass das mal jemand aufschreibt. Jankas Genörgel zeigt außerdem gut, dass man als Kunde immer auch ein Stückchen Mitverantwortung hat, darauf, wie sich ein Feld entwickelt einzuwirken.
    Wenn es mir reicht, bei Rewe einfach das Hanscraft Bier mitzunehmen, immer die gleichen Sorten, zwanzig Cent billiger, dann brauch ich solche Läden wie das Brolters nicht. Kann dann halt passieren, dass Rewe in zwei Jahren entscheidet, dass das Craft-Beerregal doch besser zur Präsentation von Smartphoneputzmitteln benutzt wird. Dann gibt’s halt kein Craft Beer mehr.
    Ohne das Brolters wüsste ich einfach nichts über Bier, und da liegt auch – wenn man ein bißchen nachdenkt – die Funktion solcher Läden, uns – erst einmal jenseits von kapitalistischer Warenwirtschaftslogik – mit neuem Bier und Wissen über Bier, wie es gemacht wird, zu versorgen. Auch das macht jeden Besuch dort zu einer lieb gewordenen Alltagsroutine, anders als lästige Besuche im Getränkemarkt.
    Läden wie das Brolters haben insofern eine Funktion die eher Kunstgalerien oder guten Bücherläden oder Plattenläden im Vorinternetzeitalter ähnelt, sie machen die Welt besser und interessanter. Ich will, dass das so bleibt.

  4. Volker R. Quante

    Prima, es kommt wieder Leben in den Bierguerilla-Blog. Nach einer doch recht langen Sommerflaute. Und das gleich mit einer ganzen Reihe schöner, provokativer Berichte. Und mit obiger Lagefeststellung, der ich – leider – zu hundert Prozent Glauben schenke. Schenken muss. Obwohl ich selber auch nicht frei davon bin, gelegentlich (Bequemlichkeit? Faulheit? Ladenöffnungszeiten? Entfernung? – Definitiv aber nicht Preis!) im Supermarkt in der Braufaktum u.ä. Ecke einzukaufen. Aber es ist immer noch besser, finde ich, das zehnte Ratsherren zu trinken, als das zwanzigste Astra. Es grüßt aus Tschechien, wo der Begriff „Craft“ noch völlig anders verstanden wird, der Volker

  5. Der Stengel

    Ein weiteres furchtbares Argument von Kunden auf der Suche nach einem Geschenk in unserem Laden: „Ist ja nur so als Scherz gedacht…“!

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