Ein Schluck Bier war noch drin

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1915, nachdem der Stadtteil St.Pauli sich immer mehr der weltlichen als der göttlichen Liebe widmete, bauten die Mennoniten, die älteste Friedenskirche der Welt und bis heute durchaus freiheitlich protestantisch geprägt, eine neue Kirche im heutigen Ottensen.
In den vergangenen Wochen war nun die Aufregung groß, weil unerwartetet Schätze auf der Baustelle zu Tage gebracht wurden. Lassen wir Pastor Bernie selber erzählen:

„Ein Schluck Bier war noch drin
Es ist einer dieser typischen Freitage, an denen man sich einen Plan macht und später feststellt, dass es wieder alles ganz anders gelaufen ist. Und zwischen all den Aktivitäten kommt ein Anruf von einem besorgten Gemeindeglied: „Die graben da an der Kirche gerade eine Leitung frei, könnte der Pastor nicht mal hingehen und Fotos machen, nicht dass da nachher was kaputt ist!“ Na gut, dann hole ich eben meine Kamera von oben, ziehe mir feste Schuhe und eine Jacke an und gehe mal nachschauen.
Wie froh bin ich, dass ich auf das Gemeindeglied und meine innere Stimme höre. Gerade als ich meinen Kopf zur Tür raustrecke und frage, ob ich ein Foto machen dürfe, fördert der kleine Bagger einen Dreckklumpen herauf, der nach mehr aussieht. Es schimmert braunes Glas und eine weiße Kapsel durch die klebrige Erde. Ein Bauarbeiter nimmt den Klumpen, wischt ihn grob mit seinen Handschuhen ab und gibt mir eine braune Bierflasche. „H. Heyd Ottensen“ steht gut lesbar drauf.

Ottensen, mittlerweile ein kleiner Stadtteil von Hamburg war damals ein Dorf zu Altona gehörend. Viele Mennoniten lebten dort. H. Heyd war, wie die Stadteilforscherin Helga Magdalena Thienel und der Bierexperte „mein RÜDIGER“ mir unabhängig voneinander mitteilten keine Brauerei, sondern ein Bierhändler. Die kauften große Bierfässer und füllten das Bier in eigene Flaschen ab, um es dann en Detail an Endkonsumenten zu verkaufen – Bauarbeiter von Kirchen eben. 1913 war H. Heyd als Bierhändler in der Rothestraße 86 in Altona – Ottensen registriert. 1914 / 15 wurde das Bier fast ganz getrunken.
Ein historischer Fund. Jubiläum zum Anfassen. Ein Bauarbeiter, der vor 100 Jahren von Hand fast die gleiche Arbeit machte, wie die Männer heute mit dem kleinen Bagger hat hier wohl seine Bierflasche entweder vergessen oder vergraben. Vielleicht kam auch gerade der Pastor zur Inspektion vorbei, wollte ein Foto machen und der Arbeiter hat die Flasche schnell in der offenen Baugrube versenkt …
Die Flasche ist verschlossen und drin ist sogar noch ein kleiner Schluck Bier!
Bernhard Thiessen (Inspektionspastor der Gemeinde)“

Zwischenzeitlich ist auch noch eine Bierflasche von einem Bierverleger aus Hamburg Barmbek aufgetaucht. Auch hier hat Rüdiger Schmanns wieder ganze Arbeit geleistet und alles aufgeklärt. Rüdiger ist Bierliebhaber und sammelt u.a. Bierliteratur. Wenn er mal von einem Buchtitel zwei Bücher hat, tauschen wir wir gegen Naturalien. Seine Kontakte und Kenntnisse waren schon immer sehr willkommen. Danke, Rüdiger!
Und hoffen wir, daß wir bald wieder hunderte Brauereien in Hamburg haben, denn die Tradtion der Eigenwerbung auf Bierflaschen und ähnlichem Kuddel-Muddel hat nicht aufgehört, aber die Kunst des Brauens, die war fast abhanden gekommen.

Esther Isaak

 

 

2 Responses

  1. Tobias

    „Die kauften große Bierfässer und füllten das Bier in eigene Flaschen ab, um es dann en Detail an Endkonsumenten zu verkaufen “

    Find ich klasse, das solltest du auch machen 🙂

    Ansonsten: Gratulation zu dem Glücksfund

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