Der kleine Hopfenstopfer möchte nicht größer werden

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Wenn in Bad Rappenau, einem Ort, der auch liebevoll „Rabbene“ genannt wird, einen Ort, den man von Hamburg in entspannten 7 Stunden mit der Bahn erreicht (in der Zeit fliegt man auch nach Caracas),

ein großes deutsches Unternehmen auftaucht und eine Anfrage  über 180.000 Flaschen macht, dann bekommen selbst die Hügel des Kraichgaus Gletscherkappen.
20 Sude wären es, ein Monat Nonstop Brauen hieße es und einen Monat Abfüllen noch dazu. In dieser Zeit könnte man keinen anderen Kunden bedienen. 187,5 Paletten müßten einen Lagerplatz finden. Man bräuchte denselben Platz für das zu befüllende Leergut und den Platz für 7.500 Leerkästen. Na gut, Thomas könnte einen Mitarbeiter einstellen und wenn es gut liefe bald auch einen zweiten, einen dritten. Er könnte investieren und größere Sude fahren.
Er könnte auf die Messen gehen und durch die Lande fahren und den dicken Brauer machen. Er wäre zwar nie zu Hause, aber die Familie wäre gut versorgt. Er müßte nicht mehr selber so hart körperlich arbeiten, sondern nur noch um jeden Cent mit dem Abnehmer verhandeln.
Der Thomas hat abgelehnt.
Warum eigentlich? Lesen wir, was er schreibt:
„Naja, noch war es ja nur eine Angebotsanfrage, die letztendlich der Preis entschieden hätte, aber mal ganz ehrlich, auf den ersten Blick lockt so eine Anfrage schon ganz schön. Nach dem ersten Durchschnaufen und dem Wegblinzeln der Eurozeichen auf den Augen kommt man doch dann schon ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen.
180.000 Flaschen, das entspricht 7500 Kästen das sind in etwa 600 hl Bier, also eine ganz nette Menge. Aber auch eine ganz schöne Menge Arbeit! 20 Sude a 30hl und knapp 20 mal Flaschenfüllen und ich fülle doch „sooo gerne Flaschen“*
Das nächste Problem wäre es sicherlich, die entsprechende Menge Hopfen zu bekommen. Gerade die amerikanischen Flavour Hops sind immer schwerer zu bekommen. Ich habe bei meinem Hopfenhändler des Vertrauens (Rudi Eisemann) bereits Verträge für die Ernte 2018 abgeschlossen und selbst aus dieser Ernte sind manche Hopfen schon jetzt nicht mehr erhältlich. Kleiner Finanztip meinerseits** : legt eure Millionen in Hopfen an!
Selbst wenn also die Rohstoffe, die Zeit bzw. das Personal keine Rolle spielen würden:
Wo wollen wir eigentlich Craft Beer sehen und welche Rolle soll Hopfenstopfer dabei spielen.
Ich denke, daß wir jetzt schon relativ gut im Land verteilt sind. Der Trend zum Einkauf über das Internet nimmt ja auch stetig zu. Eigentlich gibt es keine Probleme, an unsere Produkte ohne großen Aufwand zu kommen***

Ich sehe mich und meine Biere also durchaus gut aufgestellt. Ein bißchen Luft nach oben ist von der Kapazität und von meinen vorbestellten Hopfen noch da, aber ich möchte lieber noch etwas mehr hier in der Region vorankommen und im Faßbier Bereich noch etwas tun, kann mich aber im Moment einfach noch nicht mit den Einweg Fässern anfreunden.

Hopfenstopfer hat sich inzwischen zu einem neuen Standbein der Brauerei entwickelt und so stützen sich die unterschiedlichen Geschäftsfelder „klassische Biere“, Hopfenstopfer, Getränkevertrieb, Gastwirtschaft und Hotel gut gegenseitig ab und ich sehe mich nicht unter Druck innerhalb von x Jahren so und so viel hl zu produzieren, damit die Bank zufrieden ist.

Also:
Warum immer mehr und mehr, wenn es doch so auch genügt?
Ich würde mich schon als sehr bodenständig bezeichnen,

habe keinen BartHopfenstopfer auf Bottich (wie ein echter Craft Brauer das hat?)****, bin nicht auf jedem Festival des Landes, mache nicht bei jedem Wettbewerb mit, und auch keine Werbung. Netterweise war ich in letzter Zeit gut in den Medien vertreten, sei es in diversen kleineren und größeren Zeitungen, im Radio oder auch wie erst vor kurzem im Südwestfernsehen. Ich sehe mich also nicht als Himmelsstürmer und Red Bull trinke ich auch nicht.

Der Sommer 2015 war echt hart. Dank des Berufskraftfahrerqualifikationsgesetzes habe ich keinen weiteren Mitarbeiter gefunden, der auch gewerblich LKW fahren darf, dementsprechend blieb Arbeit für drei Leute an zweien hängen. Das sind dann aber auch die Momente, bei denen man neidisch auf Andere schaut, die geregelte Sommerferien haben und sonstige Vergünstigungen, die man in einem Kleinbetrieb einfach nicht haben kann. Aber ich will nicht klagen, ich kann mich beruflich voll entfalten und habe den vollen Rückhalt meiner Familie. Meine Hobbys leiden aber durchaus etwas, in der Band in der ich Gitarre***** spiele, kann ich mich immer irgendwie durchmogeln (mangelndes Talent durch Lautstärke überspielen). In der Feuerwehr täten mir aber ein paar mehr Übungen bestimmt mal wieder gut…

Wenn ich so zurückschaue ins Spätjahr 2010. Damals war ich also drauf und dran, aus den Hopfenstopfer Jahrgangsbieren eine eigenständige Marke zu basteln und so habe ich Ende 2010 das erste Hopfenstopfer Chinook Strong Ale gebraut und im Januar 2011 ganze 50 Flaschen davon abgefüllt******. Im April kam dann das Citra Ale, begleitet von einer Aktion des www.probier-club.de,  von dem ich das ganze Jahr gerade mal 175 Kästen verkaufen konnte. Doch langsam aber sicher hatte eine kleine Bierevolution im Land begonnen, vorangetrieben von kleinen Läden wie Esthers „Bierland Hamburg“ oder Rainer Walisers „Berlin Bier Shop“. Gerade diesen beiden bin ich bis an mein Lebensende zu Dank verpflichtet….

Ich kann mich auch noch genau erinnern, als ich die ersten 100 Fans auf unsere Facebook Seite hatte, jetzt haben wir die 2000er Marke schon geknackt und täglich werden es mehr. Das eine oder andere Plagiat hatten wir auch schon. Bisher ließ sich aber alles ohne Rechtsanwalt und ohne nennenswerte Probleme lösen. Es war schlicht die Unwissenheit, daß es sich bei Hopfenstopfer um eine geschützte Marke handelt.

Nach wie vor, versuche ich gerade zu meinen Händlern und Kunden so viel Kontakt wie möglich zu halten, denn irgendwo bin es ja ich selbst, der der Hopfenstopfer ist und das möchte ich auch bleiben, so wie ich bin, ein Pragmatiker mit seinen Ecken und Kanten, aber bodenständig, zielstrebig und genügsam. Ich freue mich also auf die nächsten 5 Jahre Hopfenstopfer, auf all` die Herausforderungen und die Menschen, die mir dadurch begegnen und auf hoffentlich noch viele neue und spannende Biere und entsprechend polarisierende Etiketten*******

*Wer das glaubt, ist selber schuld!
** Achtung! Dies ist die Meinung des Hopfenstopfers und nicht unbedingt die Meinung führender Geldinstitute!
*** Sofern ich abgefüllte Ware da habe… Gute Beratung bekommste aber dafür bei Esther!
**** abgesehen von „zu faul zum rasieren seiner Viertagebärte“
***** Unbedingt in Youtube mal nach UMC und Fog Leap Studios suchen -seeehr entspannend!
****** Ein Großteil davon liegt in einem mit Sprengfallen und Selbstschussanlagen gesicherten Keller
******* Es soll Leute geben, die mir dringendst eine Grafiker angeraten haben, die von einem gestalterischen Schlag ins Gesicht gesprochen haben und glauben, daß sich ein durchgestyltes Bier besser verkauft als mein Bier mit „amateurhaft“ gestalteten Etiketten.“

Noch ein paar kleine Nachträge:

Thomas hat mir versprochen, seine Etiketten in ihrer Einzigartigkeit zu belassen. Er macht eben alles selber. Er ist Angestellter der Häffner Brauerei und die Marke Hopfenstopfer gehört ihm. Er braut 6 Klassiker unter der Marke Häffner und 6-8 Sorten in der Hopfenstopferserie. Zusammen kommt man auf ca. 1100 hl jährlich.

Text: Esther Isaak und Thomas Wachno

Fotos: Thomas Wachno

 

 

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