Den Mond im Zenith

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Der Vorabend:

Unter einem riesigen Wellblechdach genoßen wir einen dieser richtig guten Hamburger „de la casa“ . Endlich war die Sonne weg und eine schwerfällige Schwüle lag in der Luft.

Der Gaumen jubilierte ob der wunderbaren Rindfleischröstnoten, der Kreislauf beschwerte sich, daß wir ihm so viel zumuten wollten, woraufhin wir ihm die böse Coca Cola als Hilfsmittel gaben.

Dann: 

Dann drehte der Wind nach Süden und meine Schwester meinte nur: „Ich zahle mal!“

Fünf Minuten später regnete es. Es regnete wie es das immer macht, wenn ich im Gran Chaco bin. Unvorstellbar viel! Es regnete 100 mm. Ein Wetterleuchten umzingelte uns. Es donnerte. Es prasselte auf das Wellblech des Wohnhauses. (Trinkwasser ist in dieser Region rar, darum wird jeder Tropfen Regenwasser aufgefangen und in Zysternen aufbewahrt). Unter dem Schattendach verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Die Hunde suchten nun sogar bei mir Schutz. Und es kühlte um mindestens ein Grad ab.

Jetzt:

Jetzt war ich eingeladen auf ein kühles Blondes, natürlich abends, denn nördlich des südlichen Wendekreises bietet sich in der Tageshitze eher eine Siesta als ein Bier an.

Ich und die geschätzten 30 Grad Celsius sind die einzigen in dieser Nacht auf den Strassen Filadelfias, wobei schon der Begriff Strasse übertrieben ist. Es sind Matschstreifen, Wasserstreifen mit jedoch bestens zementierten Bürgersteigen. Diese Kleinstadt ist die größte paraguayische nördlich des Paraguayflußes. Asuncion liegt 450 km südwestlich. Vielleicht sind es 10.000 Einwohner, vielleicht weniger, vielleicht mehr. In diesem Ort, den ich während zehn Tagen beehrte und befußwanderte, ist mir nur einmal eine weitere Fußgängerin begegnet.

Jetzt bei untergehender Sonne und damit abrupter Dunkelheit begegnet meiner Vorstellungskraft der magische Realismus Südamerikas, oder ist es doch die reale Magie?

Ich sehe die Carpinchos aus den Wasserlöchern springen, sehe Lanzenottern auf mich zuflitzen, sehe Ochsenkröten vor mir zerplatschen. Und da bewegte sich ein Schatten: War es der Puma oder doch der Tapir?

Und dann dieser Lärm der Frösche, Grillen, Zirpen und anderer Ungeheuer. Nun schnellt der Mond in einer ähnlichen Geschwindigkeit wie die Sonne mich verlassen hatte, hoch. Es ist hell, ich bin schweißgebadet und drei Blocks später nach 30 Minuten am Ziel, dem kühlen Blonden.

Während die Geräuschkulisse in den Hintergrund trittt und die Freundin das kühle Blonde mit Tortilla Chips und einem Tomaten-Käse-Basilikum-Zwiebel-Salat serviert, umflügeln uns die Glühwürmchen und Eichendorff ähnlich sprechen wir von fernen Ländern, von der Schmach nur ein Leben für unsere Ideen zu haben, von Musik, von Armut und Integration, von der Offenheit der Argentinier, die historisch bedingt multikulturell sind.

Ich registriere, daß wir grad Deutsch sprechen. Es hätte auch Plattdeutsch oder Spanisch sein können. Wir trinken Patagonia, ein Amber Lager, das an fränkische Vollbiere erinnert: leichte Röstmalzigkeit mit einem Aromahopfen, der zurücknehmend wie beim Samuel Adams Boston Lager ist. Es paßt genau in diese Nacht. Ich mache noch ein paar Fotos und denke mir, daß ein großer Konzern dahinter stecken könnte.

Ob der Mond es sieht, wenn ich hier Konzernbier trinke?

Wo ist er nur geblieben? Mein Auge sucht ihn vergebens bis ich meinen Kopf in den Nacken lege:

Der Mond steht im Zenith, direkt über mir. Und er lächelt wohlwollend und vergibt mir. 22° 20′ 21,7″ (22,3394°) Süd

 

Ich beschließe, mir keine Gedanken darüber zu machen, daß in meinen Bierkreisen Konzernbiertrinken Sünde ist, daß in Filadelfia bei den Mennoniten Biertrinken Sünde ist und daß aus ökologischer Sicht Rindfleisch, und daß aus Veganer Sicht und, und, und …. ich beschließe, nicht das, was in den Mund geht für Sünde zu halten, sondern das, was aus dem Mund kommt.

 

 

 

Text und Fotos: Esther Isaak

PS: Patagonia gehört zur Quilmes Brauerei und damit zum größten Bierkonzern der Welt.

 

 

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