Craftbier und das liebe MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum)

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Letztes Jahr im Sommer startete bitburger mit der Marke Craftwerk im Craftbiersegment mit 3 Bieren: Tangerine Dream, ein single hop pale Ale, Hophead 7, ein IPA und Holy Cowl, ein Bier im belgischen Stil. Diesen Sommer ist ein viertes Bier hinzugekommen.

Mitte September 2014 verkostete ich mit zwei Kunden 1 Flasche Tangerine Dream, die seit Anfang April 2014 mit weiteren Flaschen von Craftwerk in meinem Keller lagert mit MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) 30.08.2015, also noch weitere 11 Monate. Die Beschreibung im Internet versprach am 11.09.2014, und – ich vermute am 30.08.2015 immer noch – eine Geschmacks-Explosion:

„Der raffiniert fruchtige Geschmack des Mandarina Bavaria Hopfens explodiert auf der Zunge und verführt zum Träumen.“

  • Die Verkostung: die Nase im Glas roch gar nichts, keine, nada, nix Hopfenaromen, der Geschmack eher flach, nach Ale, nicht unangenehm, aber das war’s dann auch schon.
  • Die Erkenntnis: auch in bitburger Bieren bauen sich die Hopfenaromen im Laufe der Zeit ab bis zur Unschmeckbarkeit, das Geschmacks-Versprechen jedoch nicht.

Geschmacklos und cräftig falsch ist also dieses Versprechen einer Geschmacksexplosion über einen Zeitraum von mindestens ca. 18 Monaten. Unbekannt ist mir, wann das Bier gebraut und auf Flasche gefüllt worden ist. Ich habe das Tangerine Dream, den ersten Sud und auch diese Charge in einem frischeren Stadium getrunken und es waren damals ansprechende Hopfennoten zu riechen, erinnere ich mich.

Die Lagerung: Das Bier lagert im Karton, aufrecht stehend in meinem dunklen Keller bei moderaten Temperaturen. Zugegeben, die Temp. im Sommer müsste kühler sein. Andere Biere mit ebenfalls langem MHD (1 Jahr) wie z. B. das 7:45 Escalation der CREW Republic überstehen die Lagerung über den Sommer in meinem Keller, zwar mit Einbußen im Hopfenaroma, aber auch nach einem Jahr am Ende des MHD riecht man aus der frisch geöffneten Flasche den Hopfen heraus.

Wie sieht die Sache mit dem MHD z. B. bei der Kreativbrauerei Kehrwieder aus Hamburg aus? Da gab man bisher lediglich ca. 4 Monate nach dem Abfülldatum, weil danach, so Oliver Wesseloh, die Aromatik schmeckbar nachlässt. Ich hatte das über den Winter 2013/2014 1-3 Monate über das MHD hinaus gelagerte SHIPAS (single hop IPA mit Simcoe) probiert und fand es noch ausgezeichnet. Die Aromen im SHIPAC (Casacde) hatten etwas mehr gelitten.

Craft bedeutet also auch, keine falschen Versprechen über die Laufzeit des MHD hinweg abzugeben. Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen Craft-hui und Craft-pfui. Man könnte auch darüber nachdenken, den Alterungsprozeß des Bieres präziser zu beschreiben. Natürlich gibt es auch einige Biere, v. a. alkoholreiche Biere, die jahrelang gelagert werden können, auch weit über das angegebene MHD hinaus, und die sich sogar verbessern.

Jedenfalls sollte auf dem Bier-Etikett das Abfülldatum vermerkt sein. Das haben nur einige Craftbier Brauer, die anderen sollten es m.E. nachholen. Vorbildlich hier z.b. Schneider Weisse. So weiß der Kunde am besten Bescheid über das Alter des Bieres. Gerade bei Aromahopfen betonten Bieren ist das wichtig, denn ein IPA sollte man „as soon as possible“ trinken. Wenn der Braumeister craftig-gut gebraut hat (keine Filterung, keine Pasteurisieung, keine Aromenkiller im Bier, was sind das für chemische Verbindungen?) und das Bier kühl, z. B. in einem Kühlschrank oder einem kühlen Keller gelagert wird, hält das Hopfen-Aroma durchaus eine längere Zeit, halbes Jahr, 1 Jahr und auch noch länger, aber mit abnehmender Intensität. Verlängert eine Flaschengärung die Frische des Hopfenaromas?

Viele Fragen sind für mich also noch offen. Die Reihe mit dem MHD wird fortgesetzt.

Empfehlung:

  • Hopfenbetonte Biere (das können außer Ales auch Pils und Lager und andere sein) so frisch wie möglich trinken.
  • Keine Angst vor einem abgelaufenen MHD. Bier öffnen, riechen und trinken. Auch ein sauer gewordenes Bier kann ev. noch getrunken werden und dem „Sauer-Fan“  schmecken. Ein verdorbenes Bier schmeckt man sofort heraus und schüttet es weg.
  • Insbesondere alkoholreiche Biere, aber auch Sauerbiere und Lambic Biere mit weniger Alkohol haben oft lange mögliche Lagerzeiten.

Links:

 

 

4 Responses

  1. Martin Dambach

    Von Günther Thömmes kommt der Hinweis, dass die Aromen durch Hopfenstopfen seiner Erfahrung nach weniger langlebig sind, als durch Hopfengaben beim Brauprozess, bei dem der Hopfen der heißen oder kochenden Würze zugegeben wird.

  2. Helmut Pfeiffer

    Das MHD ist ja zunächst ein vom Gesetzgeber vorgeschriebenes Datum bis zu dem ein Nahrungsmittel gesundheitlich unbedenklich sein soll. Den Wunsch, damit die ursprüngliche Produktqualität garantiert zu bekommen, wird dieser Ansatz nicht gerecht und soll es auch nicht. Der einzige Weg für diese zweite Information wäre meines Erachtens ein zweites Datum bis zu dem aller Erfahrung nach die ursprünglichen Produktqualitäten noch vorliegen. Da stellt sich nur die Frage, wie das ermittelt werden kann und was passiert wenn es dann doch nicht mehr ganz soll ist. Produkthaftung, Rückgabe?

    • Johann

      Das ist die landläufige Meinung, aber leider nicht korrekt! Es geht sehr wohl auch um den Erhalt des Geschmacks und sonstiger produktypischer Eigenschaften.
      Kurze Übersicht dazu bei Wikipedia : de.wikipedia.org/wiki/Mindesthaltbarkeitsdatum
      Die weiterführenden Links sind auch sehr interessant.

  3. Esther

    Heute habe ich das TAPX Jahrgang 2011 von Schneider Weisse getrunken. Die Aromen des Nelson Sauvin Hopfen haben sich verflüchtigt, sind quasi von der Hefe eingeatmet worden; die Bittere ist jetzt prägnanter und die Beerigkeit aufgrund der Trappistenhefe intensiver. Immer noch ein Topprodukt, aber ganz anders als vor 3 Jahren. Eingekochten Hopfen schmecken wir als Bittere, Kalthopfungen, allerdings mit Aromahopfen, riechen wir und wir meinen sie zu schmecken. Inzwischen interessiert mich als Konsumtentin das Produktionsdatum und nicht das MHD. Hatte grad den Feuchten Traum von Kehrwieder auf den Geschmacksknospen /MHD abgelaufen seit Monaten / Die Tiefe, die dieses Bier inzwischen gewonnen hat, ließ mich mal kurz über ein Umetikettieren Nachdenken. Also, falls noch jemand etwas davon im Keller hat, unbedingt trinken und nicht wegschütten!

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