Bierguerillera jetzt aus Wittenberge

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Seit November letzten Jahres leben wir in Wittenberge. Vor ca. einem Jahr lag eine Deutschlandkarte vor uns und wir fragten uns, wo wir leben wollten.

Für mich war wichtig, möglichst schnell das Weite suchen zu können. Die Vorstellung, an einem Punkt der Welt zu leben, an dem man nicht schnell abhauen kann, war in meiner Fantasie unerträglich. Außerdem wollte ich einen Ort, der mich beflügelt, wenn ich aus der Tür komme. Meinem Mann war wichtig, einen schönen Blick zu haben, die Weitsicht. Somit standen für uns Gera wegen seiner schönen Stadtarchitektur, der Nähe nach Bayern, Tschechien und Österreich, und Wittenberge als Zentrum zwischen Hamburg und Berlin mit perfekter Bahnanbindung und wunderschöner Lage an der Elbe zur Debatte. Wittenberge machte das Rennen, weil wir so auch für Hamburg und Berlin erreichbar bleiben, denn dem Städter scheint es unmöglich zu sein, seine Freunde auf dem Land zu besuchen. Zwei Stunden Fahrt sind unüberwindbar.

Wie ist Wittenberge?

Wittenberge ist durch seine Gründerzeit/Jugendstilarchitektur ganz banal wunderschön. Ganze Strassenzüge mit den eindruckswollsten Bauten schmücken das Zentrum der Stadt. Oben wird gewohnt und unten findet Einzelhandel statt. Der Ort meandert mit der Elbe durch die Landschaft. Entstanden ist er eigentlich erst zur Zeit der Industrialisierung, Wittenberge war schon immer ein logistischer Standort zwischen Berlin und Hamburg gewesen: Vor dem zweiten Weltkrieg gab es hier die größte Ölmühle Europas. Bis zur Wende 1989 lebte Wittenberge vor allem von der Nähmaschinenproduktion. Heute sind die monumentalen Bauten, in denen sich jetzt die spannendsten Firmen eingerichtet haben, noch Zeuge dieser Erfolgsgeschichte: Singer Nähmaschinen wurden im VERITAS Werk für die ganze Welt produziert. Und wie es sich für einen Industriestadt gehört, gibt es außerordentlich viele Schrebergärten. Über 30.000 Einwohner suchten hier die Erholung und versorgten sich mit Gemüse aus dem Garten. In Wittenberge wurde schon immer produziert. Der Ort hat ein große Produktionsmentalität. Stadtplanerisch hat man es früh gut gelöst, indem die Industrie an den Rand und in Schienen- und Flußnähe placiert wurde. Was an Wittenberge nämlich auch wichtig ist, ist die Bahnstrecke, die Hamburg und Berlin verbindet. Die Bahn hat hier ein großes Instandsetzungwerk. Das beeindruckende Bahngebäude konnte die Stadt erwerben. Jetzt wird es saniert und dann der Kreativität der Unternehmen zur Verfügung gestellt werden.

Wie ist es für einen Städter in diese Kleinstadt mit heute knapp 18.000 Einwohnern zu kommen?

Es findet kein Gedränge auf dem Bürgersteig statt, jedoch ist das Verhalten der Einwohner das eines Stadtbewohners. Man kann hier auch anonym bleiben, wenn man es will. Die Menschen sind offen, jedoch sind sie nicht penetrant neugierig. Wenn ich durch die Stadt schlendere, habe ich nicht das Gefühl, daß es Interesse wecken würde. Im persönlichen Kontakt, den man unwillkürlich zuerst mit dem Vermieter hat, ist man hier sehr freundlich und ausgesprochen hilfsbereit. „Haben Sie noch einen Wunsch an die Wohnung?“ war eine für uns überraschende Frage.

Im Rathaus, bei der Ummeldung, ist es ähnlich freundlich: Kein Warten, kein Zicken oder Nummern ziehen. Hier freut man sich über neue Bürger. Das TGZ und das Rathaus arbeiten sehr gut und dynamisch zusammen. Es kann schon passieren, daß innerhalb eines Tages bereits geklärt ist, ob eine Idee realisierbar ist, oder aufgrund eines bundesweiten Gesetzes keine Deutungsfreiheit besteht. Wittenberge ist eine amtsfreie Stadt. Vielleicht ist die Verwaltung deshalb so aktiv, vielleicht liegt es aber auch an den Menschen wie Christian Fenske, Siw Foge und, und, und. Sie sind jung, kompetent und voller kreativem Elan, diese Stadt nach vorne zu bringen.

Und die Stadt hat alles, was der Mensch so braucht: Supermärkte und Discounter jeglicher Kategorie, Reformhaus, Kaffeerösterei, Chocolaterie, eine Apfelmosterei, Bäcker, Restaurants, Hotels, Bekleidungsgeschäfte, Elektronikläden, Möbelgeschäfte, ein Theater, Ärzte, Zahnärzte, Fachärzte, Schulen und Kitas, Schwimmbad, Buchhandlung und dann gibt es noch die Ölmühle, die zu einem riesigen Hotel und Gastronomiekomplex ausgebaut wurde. Der letzte Schrei ist die Saunaetage mit Blick auf die Elbe.

Es gibt ca. fünf Fleischer, die auch in den Discountern mit Fachverkäufern vertreten sind. Ich erledige alles fußläufig, hätte aber auch Zugriff auf einen Stadtbus. Yoga und Fitness ist hier sehr stark vertreten. Es gibt von allem genug, außer Menschen.

 

Wittenberge hat Platz für Einwohner, Bewohner, Menschen! Bedingt dadurch, daß viele Wittenberger täglich in die Metropolen zum Arbeiten pendeln, fehlt die arbeitende Bevölkerung am Tag auf der Strasse.

Nun hat das TGZ ein spannendes Programm aufgelegt, den Summer of Pioneers, der Kreative einlädt, Wittenberge zu testen, um zu bleiben! Eine großartige Idee! Bis zum 15. Mai könnt Ihr Euch bewerben. Eines sollte ich an dieser Stelle noch anmerken: Die Internetversorgung ist hier sehr gut.

Und noch ein letztes: Mieten liegen bei 5,20€/qm. Hauskauf: 1000€/qm.  Es gibt noch ein paar Gründerzeithäuser, die gerne einen Besitzer hätten. Die städtische Wohnungsgesellschaft entkernt die Häuser, rettet Dächer und Außenwände und freut sich, ein wenig Verantwortung in kreative Hände zu verkaufen. Mein Traum wäre, eine solche Hülle zu erwerben und sie so auszubauen, daß niemand jemals in ein Altenheim gehen müßte (oben Pflegerwohnung, unten Bar mit Kamin und Bibliothek). Leider kann ich nur Bierbotschaften und habe keine Ahnung von Bau.

Somit lade Euch ein, Wittenberge kennenzulernen. Egal wie gut wir uns kennen: Ich mache gerne eine kleine Stadtführung, die dann im Café Anker mit Blick auf die saubere Elbe endet.

Text & Fotos

Esther Isaak

2 Responses

  1. Christian, eigentlich eher provino...

    …ich stoße gern nach dem Stadtrundgang erst dazu und dann mit Euch an… 😉

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