Aus der Sicht einer Bierhändlerin

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Ständige Fragen:

Was will der Konsument?

Weiß er, welche Macht er hat?

Weiß er, daß bewußter Konsum die stärkste Waffe in der heutigen Zeit ist?

 

1985 war ich zum ersten Mal in einem deutschen Supermarkt und hatte ein riesiges Problem. Es waren nicht die mangelnden Deutschkenntnisse. Es waren nicht die 56 °C Temperaturunterschied. Es war nicht der mangelnde Appetit. Es war auch nicht das mangelnde Geld. Es war die Vielfalt an Erdbeerjoghurt, es waren diese vier verschiedenen Plastikbecher, die mal größer und mal kleiner waren, mal günstiger und mal teurer waren. Was sollte ich machen? Welcher war der bessere? Bei mir zu Hause in Paraguay gingen wir folgendermaßen vor: Wir nahmen je nach Bedarf ein großes oder kleines Glas und fuhren zum Supermarkt der Genossenschaft, ließen es befüllen, wiegen und gegen das Guthaben, daß mein Vater da u.a. für die gelieferte Milch hatte, verrechnen. Die einzige Frage, die sich uns stellte war die, ob wir es uns gönnen sollten.
Es gab nur eine Sorte Erdbeerjoghurt und bis heute meine ich, daß es der beste gewesen sei. Heute weiß ich Dank familiärer Experten, daß es auch so war: Er war nicht eingefärbt, hatte keine Bindemittel und schmeckte erfrischend nach Joghurt und nicht nach Pudding.
Bis heute denke ich, daß ich keine vier Erdbeerjoghurtsorten bräuchte, sondern einen guten.

Ähnlich geht es mir vielen Biersorten. Am liebsten würde ich beispielsweise die gesamten Pilssorten rausschmeißen und nur die drei besten: Alpirsbacher, Buddelship und Prototyp behalten. Damit wäre ein kaltgehopftes, eines mit Naturhopfen und ein sehr bitteres Regionalbier da. Basta. Aus die Maus.

Jetzt mag ich aber meine Kunden und ihr Wunsch ist mir Befehl. Außerdem sind sie ja auch Könige. Die einen haben sich an einen bestimmten Fehlgeschmack aus grünen Flaschen gewöhnt, die andern wollen jedes Mal ein neues Bier. Letztere sind sehr offen und bieraffin, aber sie ziehen nicht in Betracht, daß die neuen Brauer auch Kunden brauchen, die ihr Bier regelmäßig konsumieren. Sie brauchen auch Bierkunden, die immer wieder das gleiche Bier nehmen. Ich habe die böse Vermutung, daß dieser Kundentyp Mainstreambier kistenweise im Keller stehen hat und für den berühmten Schlenderschluck, den Absacker, das allabendliche Foto bei Facebook, dann noch ein Extrabierchen braucht. Und zugegeben ist es auch gut, daß es diese Kunden gibt. Ich sehe sie kommen und ich weiß, was die erste Frage sein wird: „Was habt Ihr Neues?“. Mein Gehirn macht Salto Mortale und schweißgebadet muß ich manchmal sagen: „Du, wir haben tatsächlich seit einer Woche kein Neues Bier ins Sortiment aufgenommen, keine neuen Visa für´s Bierland erteilt. Tut mir wirklich leid! Kennst Du denn schon alle belgischen Biere, die wir haben? Meistens klappt dieses Ausweichmanöver.

Was will der Konsument?, sonst keine Fragen.

Esther Isaak

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