Aufklärung wegen Faulheit und Dummheit abgesagt

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Aufklärung nennt Simon von der Buddelship Brauerei sein Bier und trifft damit absolut ins Schwarze, ins Unaufgeklärte.
Die Ambition der Aufklärer wie Kant war es, wissenschaftlich das Leben zu betrachten. Mit Vernunft und viel Hinterfragen den Dingen auf den Grund zu gehen. Nachzufragen.
Wer keine Fragen stellt, sich nicht mit Fakten auseinandersetzt, bleibt aus der Perspektive der Aufklärer dumm und unmündig.
Schuld daran ist nur der Mensch selbst, der zu dumm und zu faul war, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Wie kommt nun Simon auf die Idee, sein Bier Aufklärung zu nennen.
Bierstil: Gose
Inhaltsstoffe: Wasser, Gerstenmalz, persische Limetten, Hopfen, Salz, Koriander, Hefe
Der Flaschentext: Bier mit Charakter – unfiltriert und ohne Kompromisse.
Die Gose ist ein historischer deutscher Bierstil, der bis in das frühe Mittelalter zurückgeht, und bis in die heutige Zeit der Gleichschaltung deutscher Biere die Stirn geboten hat. Aufklärung ist die Maxime selber zu denken.
Aufklärung ist die Maxime, selber zu denken.
Hallo, Reinheitsgebot! Gose gab es schon vor 1000 Jahren und Du willst uns erzählen, daß es nach dem Reinheitsgebot verboten sei, dieses schmackhafte Getränk zu brauen! Reinheitsgebotshorst, das interessiert nicht. Ein solides Handwerk auszuüben, einen Bierstil zu produzieren, den es schon ewig gibt und es sogar mit Gerstenmalz, Hopfen und Hefe zu machen, obwohl ja nach dem Reinheitsgebot nur Rohgerste und Hopfen genug wären.
Ein weiteres Phänomen tritt auf. Nirgends ist von Craftbier die Rede. Warum eigentlich nicht? Weil Craftbier in seinem Wesen und mit seiner schwammigen Definition auch nur Marketinggeschwurgel ist.
Der aufgeklärte Simon zwischen Craftbier und Reinheitsgebot. Großartig!
Ach ja: Und wie schmeckt die Gose?
Köstlich und richtig schön limettig sauer. Mit einem Schuß Cachaca und ein bißchen Copa Cabana wäre das Leben perfekt.
Merke: Die eigene Faulheit und Dummheit sind die Ursachen dafür, daß wir uns immer wieder von Marketingfuzzies kaufen lassen. Einfach mal kurz nachfragen. Schon ist es ausgeträumt und eine Ent-Täuschung setzt ein. Ein Gefühl der Zufriedenheit ob der neuen Erkenntnisse setzt ein.
Zum Thema Aufklärung gehört auch noch die Selbstbestimmung und die Eigenverantwortung.
1. Nachschlagen, was Gose eigentlich ist.
Der Bierstil kommt wahrscheinlich aus Goslar und ist wohl nach dem Flüßchen Gose benannt. Früher war dieses Bier, wie alle Biere im Mittelalter, eine Spontangärung. Heute wird obergärige Hefe genommen, die meistens einher- geht mit einer bakteriellen Milchsäuregärung. Simon schreibt auf auf dem Etikett nichts von Milchsäuregärung. Erstaunlich.
2. Nachfragen. Simon sagt, daß es eine Milchsäuregärung sei.
3. Koriander und Salz gehören in die Gose? Nun weiß man, daß Koriander sich erst im 15. Jahrhundert über Nordeuropa ausbreitete, was gegen das auf dem Etikett erwähnte Frühe Mittelalter (500 – 1050 n.Chr. )  sprechen würde. In Großbritannien wurde Koriander zum ersten Mal 1066 erwähnt. Goslar findet man schriftlich erwähnt so um das Jahr 979; die Zeit von Otto dem II. Auf jeden Fall war der Harz schon während der Römerzeit ein begehrtes Erzabbaugebiet.
4. Wann war die Römerzeit? 7. Jahrhundert v.Chr. bis 8. Jahrhundert n.Chr.
5. Schlußfolgerung: Es ist also relativ unwahrscheinlich, daß im Frühen Mittelalter (500 – 1050)  die Gose schon mit Koriander gemacht wurde. Die Menschen der damaligen Zeit haben sich wohl weniger mit Spezereien aus dem südlichen Europa beschäftigt. Für diese Annahme spricht auch, daß einer Mehrheit der Deutschen dieses „Gewürz, daß nach Seife schmeckt“, bis heute eher fremd ist. Es könnte jedoch sein, daß mit der Kaiserpfalz auch neue Gewürze nach Goslar kamen. Das wäre dann so um 1050 gewesen.
6. Was war noch die Kaiserpfalz? Irgendwas mit deutsch-römischen Kaisern und Königen. Die Frage wird für einen Goslarbesuch zurückgestellt.
7. Ich rufe Simon an und erzähle ihm, daß er sich mit seinem Text auf der Flasche vertan bzw. die Gose wohl historisch zu früh placiert hat. Wir kommen ins Grübeln, wann wohl das Salz dazugekommen sein könnte und Simon kommt auf den Gedanken, ob vielleicht das Brauwasser an sich zu den damaligen Zeiten schon salziger war.
8. Andere fragen. Vielleicht weiß ja jemand von den Lesern mehr dazu.
Wer selbstbestimmt und verantwortungsbewußt Bier genießen will, hat keine Langeweile oder wie Simon sagt: Aufklärung ist die Maxime, selber zu denken.
Text: Esther Isaak

 

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Beerdealer

Frau Isaak, was würden Sie in Ihrem Leben rückblickend gerne ändern?

„Nur den Geburtsort“ die Antwort – aber selbst das ist nicht schlimm. Mein Atmen begann mit 45° Celsius. Ich schätze das Hamburger Schmuddelwetter.

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